My Life

January 16, 2009


wie es mir im leben so gegangen ist …
von Werner Meybaum

ich bin werner
meybaum
ein Lorbass,
ein Lausbub,
aus Ostpreussen


ich stamme aus marienthal

ein paar km
westlich von drengfurth,

in der gegend
etwas noerdlich von rastenburg
in ostpreussen

als ich 4 jahre
alt war
hat opa
uns auf das pump-pferd gesetzt
wir sind im kreis mitgeritten

das ging
langsam

dann hatte ich eine spiel peitsche
das pferd ging nicht schneller
es ging hinten hoch
blieb stehen
wir flogen ueber seinen kopf
landeten im sand

einmal hatten
wir was angestellt
mutti war boese

wir krochen in
opas bett

ich erinnere
mich
an opas schuetzende arme
an mutties ausgestreckte arme

auf dem
bauernhof
war stefan und teodor
aus poland

wally und tanja
aus russland


ein paarmal kam stefan ins haus
suchte seine peitsche
die ich hinter dem wohnzimmerschrank versteckt hatte

eimal

spielten wir
auf den boden
mutti rief uns zum essen
ich ging zu langsam

und so landete
ich unten
mit gebrochener nase

zu weihnachten
bewunderte ich eine eisenbahn

am naechsten
tag
bin ich mit meinem onkel an der hand
zum teich gegangen

ein anderes mal
spielte ich mit dem wachhund

er war halb
schaeferhund halb wolf
er war an einer langen kette

ich hatte einen
besen
ich hatte spass

im gefecht
wurde der hund wuetend

es ist so
schnell passiert

der hund hat
den besen losgelassen
biss mich ins bein

oft kukte ich
durch das schluesselloch
in das zimmer von meinem opa
und sah faesser mit wein

obwohl mein opa
als baeckermeister angefangen hat
wurde opa bauer

sein bruder
konnte nicht wirtschaften
und so hat mein opa den bauernhof uebernommen

im stall waren
arbeitspferde
und am ende zwei reitpferde


auf den liegenden arbeitspferden
bin ich rumgeklettert


die zwei reitpferde
habe ich bewundert

die wurden
fuechse genannt
weil ihre farben so waren

die fuechse
hatten es gut

weil die
anderen pferde
am tag schwere lasten zogen

haben die
fuechse
von der weide aus
zugesehen

die fuechse
waren in der nachbarschaft bekannt

vielleicht
weil sie so gut aussagen
mit ihrem glaenzenden fell

vielleicht
weil sie ihren kopf so hoch hielten
damit ihre identischen markieruingen zu sehen sind

vielleicht
weil sie so stolz
die kutsche zogen

es kann auch
sein
das sie von geburt
fuer feine sachen bestimmt waren
zuhoeren konnten
traniert waren
gehorchten

wenn meine
eltern zum einkaufen
oder zur kirche fuhren

oder wenn
bauern
in der nachbarschaft
eine hochzeit oder ein fest hatten

dann kam es vor
dass die fuechse
in voller tracht
die kutsche
durch die alleen ziehten

mutti hatte 8
geschwister
davon einen brueder in hamburg

und so kam es
dass meine tante mit kinder aus hamburg zu uns kamen

im sommer bin
ich barfuss rumgelaufen

im winter
wurden die federbetten
vor dem schlafengehen
am kachelofen
vorgewaermt

ein tag
kam der postbote

mutti weinte
papa war in anzio italien vermisst

tage oder
wochen spaeter
kam der postbote

mutti strahlte
papa war gesund

papa
war von nebelbomben umgeben
hoerte stimmen um sich
hat sein gewehr abgelegt
ist die stimme gefolg

und so kam papa
in amerikanische kriegsgefangenschaft

auf einer wiese
traf

papa seine
kameraden
dann ging es zuerst nach afrika

und dann im
schiff nach amerika

es war winter
auf dem bauerhof waren soldaten
mit einem panzer bei uns untergebracht

ich habe mutti
so lange gebettelt
bis ich einmal im panzer mitfahren durfte

im pazer war es
so kalt
meine nase fror an


wochenlang waren unsere wagen beladen
fertig fuer die flucht

die erlaubnis
kam nicht

24. januar 1945

der postbote
kommt
nachricht von papa

ich bin in
amerka
mir geht es gut

am abend
war der himmel rot
mit feuer ueber drengfurt

die
russenmaedchen
bettelten mit mutti
sie wollten mich haben
mich mit nach russland nehmen

sie hatten
angst
dass ich den krieg nicht ueberleben wuerde

an den abend
sind wir mit drei wagen gefluechtet

wir … opa …
familie hoffman

an der ecke vom
bauernhof
und der strasse
von drengfurt nach marienthal
blieb ein wagen stecken

der wagen wurde
abgeladen
und leute und sachen
auf die anderen beiden wagen verteilt

die erste nacht
hielten wir bei neumann
verwandte von papas mutter an

mutti half mit
den schlachten von enten
und den federpfluecken

mitti hatte
husten und eine grippe
holte was dafuer von der apoteke


opa meinte
wenn wir nicht so weit fahren
dann brauchen wir inicht so weit zurueckfahren

opa hatte das
schon mal
im ersten weltkrieg so erlebt

wir trafen
buergermeister lemke

die strassen
waren verstopft
so fuhren wir ueber felder
nach bartenstein

mitten in der
nacht
hoerten wir
schnell weg … die russen kommen

mutti traf kurz
noch ihren vater

mutti trank
einen starken grog

vor landsberg
war ein steiler berg

die pferde von
zwei wagen
zogen einen wagen hoch

dann wurden die
pferde abgespannt
und holten den anderen wagen nach

in landsberg
war ein militaerlager

da blieb alles
stehen

die russischen
soldaten
schossen aus dem wald
von der rechten seite

die deutschen
soldaten
schossen aus dem strassengraben
von der linken seite

wir waren in
der mitte

die schiesserei
das geschrei
wurde zu laut fuer mutti

mutti verlor
ihren kopf

mutti fragte
ein soldat
was sollen wir machen ?

lassen sie
alles stehen
die kinder sind nicht mehr zu ersaetzen

so wie wir in
den federbetten waren
hat mutti uns rausgezogen
so sind wir losgelaufen

mutti
hat ihre handtasche vergessen
mit den spaarbuechern
mit ihren bildern

mutti
hat opa vergessen
aus dem zweiten wagen mitzunehmen

so wir wir
waren
so sind wir losgelaufen

ich wurde
durstig
leckte schnee
meine beine taten weh

mutti
hat mich im arm getragen
bis auch sie muede war


meine schwester war sieben
und sie konnte auch nicht mehr weiter gehen

aber mutti
hatte keine kraft mehr
sie zu tragen


und so ist
meine schwester
mit ihren kleinen fuesschen
mit ihren kleinen beinchen
die strecken selbst gegangen

im kalten
winter
auf eis
durch schnee


an einer strassenecke
hat uns ein soldat
in einer kutsche
fuer ein stueck mitgenommen


dann waren wir mit anderen fluechlingen
auf einen damm

auf dem damm
gingen wir auf eisenbahnschwellen

mutti
hatte einen sack zucker
in einen kinderwagen
mit silber bestecke gefunden
und mitgeschleppt

ein flugzeug
kam von vorne
auf uns zu geflogen

wir rollten
mit kinderwagen
zucker und besteck
den damm runter

wir gingen
auf den eisenbahnschwellen weiter


ich blieb stehen

ein soldat im
schwazen mantel
lag auf den gleisen
mit dem kopf auf einer schiene
mit seinen beinen auf der anderen

seine augen
waren offen
sahen zum himmel

sein mud war
offen
als ob er was sagen wollte

ich
stieg ueber
den toten soldat

wir gingen
weiter

in einem dorf
auf dem marktplatz
voll mit fluechtlinge
weinen geschrei
hoerte meine schwester
die stimme von opa

opa fragte
habt ihr was gegessen

wartet hier
da ist eine baeckerei
ich hole was

dann
kamen flugzeuge runter

auf uns zu

wir liefen weg

und haben
unseren lieben opa
das zweite mal verloren

nie
wieder
gesehen

nie
wieder
seine stimme gehoert

nie
wieder
auf seinem schoss gesessen

nie
wieder
seine arme ums uns gespuert


nie
wieder
seine liebe gespuert

. . .

mutti kam nach
heiligenbeil
wo sie als kind gewohnt hatte
und bekam ein fahrrad

der letzte weg
rauszukommen
war zu fuss

ueber
das frische haff

am rand
war wasser ueber das eis

dann sind wir
zu fuss
mit anderen fluechtlinge
hinter pferde und wagen gegangen

mutti rutschte
aus
und lag ohnmaechtig auf ihrem ruecken

ich
fing an zu weinen

am abend
sah ich links ein flugzeug
das auf dem eis abgestuerzt war

als es
stockdunkel war
sah ich laternen
die hin und her geschwunken wurden
damit wir gewarnt wurden
und nicht in die loecher fallen

am land war
eine huette
voll mit totmueden menschen

am naechsten
morgen
in einem fichtenwald
waren offene Lastwagen
voll mit fluechtlingen

meine schwester
und ich waren hochgehoben

dann war kein
platz
mehr fuer mutti

mutti
sollte den naechsten lkw nehmen

denn sie fahren
alle zur gleichen stelle hin

aber
mutti
hat ihr fahrrad
auf das andere lkw gebracht

ist
zurueckgekommen
um mit uns zu sein

und dann ging
es
nach danzig-neufahrwasser

als wir ankamen
war der andere lkw
mit fahrrad
nicht zu finden

dann sind wir
fuer eine nacht
mit einem schiff gefahren
und in pommern … vielleicht in stopmuende
wurden wir ausgeladen

zu fuss ging es
weiter

es
war
ruhig


wir dachten
der krieg waere vorbei

dann
an einem tag
wir waren auf suche nach essen

ich hatte eine
jacke
mit taschen an den seiten an

wir hatten eier
gefunden
und meine beiden taschen waren voll

wir waren
auf einem sand weg

mitten auf
einer strasse
an beiden seiten waren haeuser

auf einmal
fing das geschrei
und gewehrschiessen an

ein soldat
hatte uns
und ein paar familien
zusammen im kreis

schoss
in die mitte

verlangte
nach uhren ringe wertsachen

wenn die frauen
nichts mehr hatten

schoss er
wieder
sein automatisches gewehr
in die mitte

sand spritzte
in meine augen

mutti
zog ihre armbanduhr und ring ab
und schluepfte sie zu den eiern in meiner tasche

ich drueckte
vor angst
die eier
in meiner jacke kaputt


dann sind wir weitergelaufen

wir waren in
einem haus
mit anderen fluechtlingen

soldaten kamen
rein
holten frauen raus

mutti
bettelte und weinte

sie hatte
eine offene wunde am bein

zeigte
es dem soldaten

ein anderes mal
war ich alleine draussen

kam
reingelaufen
sagte zu mutti

da macht
ein mann
eine frau tot

ein anderes mal
wir waren draussen
alle kinder waren zusammen

da war eine
scheune
mit so viel geschrei von der scheune

irgenwie
habe ich in erinnerung

dass die
soldaten wollten
dass die kinder dass geschrei hoeren
dass die kinder zusehen

dann
haben wir uns besser
unter dem stroh
unter dem heu
in staelle versteckt

dann
waren wir ruhiger
haben leiser geatmet

tag und nacht
waren wir vorsichtig

einmal
wir suchten was zum essen

wir kamen in
ein dorf

mutti
blieb ploetzlich stehen

hielt meine
hand fester

dann sah ich
was mutti sah

drei soldaten
sassen auf einem bauernhof

an einem feuer

einer stand auf
kam uns entgegen

kukte uns an
streichelte meinen kopf

vielleicht
spuerte er unsere angst

vielleicht
erinnerete er sich
an seinen sohn
an seine tochter
an seine frau

er streichelte
wieder meinen kopf

gab mir ein
handschuh

gab uns aus
seiner schuessel zu essen

und liess uns
weitergehen

dann kamen wir
zu einem kinderheim
mit kindern … ohne eltern
da durften keine soldaten reinkommen

da blieben wir
eine zeit

ich kann mich
erinnern
das brot kam auf einem teller

da war
ein stueck brot fuer jeden

jeder kukte
zuerst
welches stueck
am groessten war

wenn
mutti
nicht schnell genung war
ihr brot zu essen
und runterzuschlucken
hab ich es mutti
aus dem mund gebettelt

so ausgehungert
war ich

dann durften
wir
nicht laenger im kinderheim bleiben

dann sind wir
in vietzow
zwischen bad polzin und belgrad
auf den gut
‘von kleist’
steckengeblieben

mutti
hat auf den feldern
mit anderen frauen gearbeitet

es war
ein warmer tag

die frauen
kamen von den feldern gelaufen

mit freude …

mit armen hoch

deutsche
soldaten kamen
in langen kolonnen

die frauen
dachten
ihre maenner kommen sie befreien


als sie naeher kamen

fingen sie an
zu weinen

fingen sie an
zu schreien

fingen sie an
zu jammern

deutsche
soldaten maschierten in gefangenschaft


meine schwester
holte unser verstecktes brot
fuer die soldaten


der krieg war vorbei
das elend fing an


ich wurde krank
mit typhus

mutti
konnte mich nicht wieder heil machen

mutti
bekam pferd und wagen
zum krankenhaus nach bad polzin
so 15 km suedlich

ein polnischer
doktor untersuchte mich
und sagte …

dass tut ihm
leid …
er kann auch nichts mehr fuer mich tun ..
und kein platz waere fuer mich vorhanden

und erzaehlte
mutti seine lebensgeschichte
wie es ihm so gegangen ist
wie er seine frau
und seine kinder
verloren hatte

eine
krankenschwester begleitete mutti raus
auf der treppe vor dem eingang
bettelte mutti mit der krankenschwester

so schwach wie
ich war
hatte ich alles verstanden …
alles mitbekommen …

so schwach wie
ich war
verklammerte ich mich
mit meinen kleinen fingern
in die strickjacke
von mutti

so schwach wie
ich war
erinnere ich mich
wie die beiden
meine fingerchen
losmachten

ich erinnere
mich
wie ich in einer krippe lag
in ein zimmer
mit zwei verbundenen soldaten

ich erinnere
mich
wie ich die fensterwand nach draussen sah
mit vielen kleinen fernstern

und wie ich
dachte
durch ein kleines fenster rauszukommen
und mutti
nachzulaufen

als ich
aufstehen wollte
war mir mein kopf zu schwer

ich
konnte
meinen kopf
nicht hochheben

ich
war ohne kraft

ich
war zu schwach

mein typhus
tat mir nicht weh

was
mir so weh tat

war
die trennung

die trennung
von mutti

und so muss ich
mit meinen innerlichen schmerzen
mit meinen innerlichen schreien
eingeschlafen sein

die
krankenschwester
der doktor
haben mein tyhus
behandelt


und ich lernte
meine ’emotional’ wunden
zu bedecken
zu verstecken

und so sah
keiner …
meine innerlichen wunden

und so hoerte
keiner …
mein innerliches schreien

einmal kam
mutti zu besuch
dann durfte mutti nicht mehr reinkommen

es war zu
schwer
fuer die krankenschwestern
mich hinterher
zu beruhigen

spaeter
konnte ich in der krippe stehen
konnte ich mich am gitter festhalten

ich war in
meiner krippe
in einem saal

mit vielen
anderen krippen und kindern


an einem tag
war mutti zum besuch gekommen

strand draussen
am fenster

die
krankenschwester ging zum fenster
schob die gardine zur seite

sodass mich
mutti
sehen konnte

in dem
augenblick
sah ich zum fenster

sah ich
mutti

wieder
zuviel aufregung

wieder
fing ich an zu weinen
fing ich an zu schreien

es war
zuviel arbeit
fuer die krankenschwestern

mich
und dann auch noch
all die anderen kindern
die mitweinten
die mitschrieen
zu beruhigen

nun durfte
mutti
auch dass nicht mehr tun

in der zeit
wurden fluechlinge
nach hause geschickt

aber weil ich
noch im krankenhaus war
blieb meine mutter weiter auf dem gut in vitzow

dann war es
ernte
mutti bekam keinen wagen und pferde zum besuch

es war
spaetherbst

ich war gesund

und mutti kam
und kam nicht
um mich abzuholen


jeder arbeiter wurde gebraucht
jedes pferd und jeder wagen wurde gebraucht


dann kam eine polnische familie
und wollte mich adoptieren


zu der zeit
ueberhoerte mutti auf dem gut
dass der meybaum jung
im krankenhaus gestorben ist


im letzten augenblick
kam mutti

aber
ich kann mich
an den tag
an den moment
an der begegnung

nicht erinnern

dann bekamen
einige familien die erlaubnis
mit dem zug von blegrad zum nach berlin zu fahren

meine mutter
bettelte mit dem polnischen burgermeister

zum schluss
sagte er
sie sind nicht auf der liste
ich kann das auch nicht aendern
gehen sie
‘aber niemanden von diesem gespaech erzaehlen’

und so sind wir
im dunklen
abends losgegangen

durch die nacht
gegangen
so 15 km
von vitzow nach belgrad

in gueterwagen
wurden wir eingeladen

in berlin
fluechtlingslanger schalottenstrasse
wurden wir entlaust
mit weissem puder

dann ein paar
wochen spaeter
ging es weiter
von berlin nach buechen

der zug fuhr
langsam
hielt oft an

soldaten haben noch dass letzte
was menschen hatten
weggenommen

mutti hatte
einen schafs-fell-mantel an
den sie vorher im dreck gezogen hatte
und von aussen nach innenn trug

ein soldat
entdeckte ihre tarnung
zog ihr den mantel aus
gab mutti einen stoss
auf ihre brust
mit dem ende
vom seinem gewehr

ein alter mann
weinte und schrie
seine fuesse waren geschwollen
wie ihn ein soldat
seine stiefel ausziehen wollte


es war dunkel
wir kamen an der zonengrenze in buechen
oestlich von hamburg an

dann waren wir
in einen stroh bedeckten saal
in einer gastwirtschaft
in wohltorf
20 km oestlich von hamburg

am naechsten
tag
sah ich kinder
durch ein geflochtenden draht zaun
die mich ankukten
die ich ankukte

dann wurden wir
in einem fluhr untergebtracht …
es war so ein kleines eingangs-zimmer zu einem haus

mit einer
scheibe ueber der tuer
wo licht reinkam

mutti
hat fuer die pfarrer familie schroeder gearbeitet

im haushalt
und beim baeume faellen und saegen geholfen

meine schwester
ging zur schule
ich blieb im zimmer und wartete

oft lag ich
lange im bett
ich sah wie sich die schatten an der decke bewegten
wenn leute auf dem buergersteig entlanggingen

oft traeumte
ich
wenn wir die flucht nocheinmal machen muessten
dann wuerde ich mich auf ein pferd von uns setzen
und die strecke reiten

da waren zwei
tueren im zimmer
die eingangstuer
die kuechentuer

die kuechentuer
war zugeschlossen

der geruch
vom kochen
kam durch

die geraeusche
vom essen
kamen durch


ich kann mich erinnern
durch die nachbarschaft zu gehen
in muelleimer nach essen zu suchen

mutti war so
stolz auf mich
als ich einmal nach hause kam
mit kartoffelschalen

an dem abend
machte mutti
kartoffelpfannkuchen

einmal war ich
draussen
und wollte auch schlittenfahren

und so habe ich
zigaretten
die papa aus amerikanischer kriegsgefangenschaft schickte
fuer das schlittenfahren eingetauscht

als mutti das
spaeter merkte
bekam ich mit dem besen so eine pruegel
dass der besenstiel gegen einen tisch zerbrach
und mutti mit mir unter dem tisch kroch und mitweinte

ich hatte keine
ahnung
wie wertvoll die zigaretten
fuer unsere lebensmitteln tausch waren


dann durfte mutti mich mit zur arbeit mitnehmen
und ich durfte mit dem maedchen vom pfarrer spielen
und ich durfte am tisch mit dem maedchen mit-essen

einmal hat mich
der pfarrer erinnert
dass wir die teller nicht auslecken

einmal hat der
pastor in der kirche gesagt
er kennt eine familie die nachts frieren

ein paar tage
spaeter
schliefen wir wieder unter einem federbett

dann kam
mein erster schultag

vor der schule
stand ich in einer schlange
mit kindern und muetter

als ich rankam
baeugte sich der lehrer
und fragte

wo ist deine
mutter


dann sagte er
laut …

dass ihm alle
hoerten …

kukt euch mal
diesen jungen an

er
hat keine mutter

er
hat keinen ranzen

er
hat keine tafel

er
hat keine tuete

und er weint
nicht

das war das
erste mal
das war das letzte mal
dass ich in der schule gelobt wurde


mein innerliches weinen
mein innerliches schreien
sah und hoerte keiner

am weissen rand
von zeitungspapier
habe ich meine buchstaben geuebt

spaeter
erinnere ich mich
an ein radiergummi

und loeschblatt
und mit einer feder und tinte zu schreiben

einmal fragte
mutti
‘wollt ihr mir helfen wilde blumen in den feldern zu pfluecken’

wenn ihr
fleissig seit
bekommt du eine puppe
und du eine windmuehle zu weihnachten

so haben wir
wilde blumen gepflueckt
sind mit der dampfeisenbahn
von wohltorf nach hamburg hauptbahnhof gefahren
und dann umgestiegen nach altona

im zug … sah
ich aus dem fenster
da waren soviele haeuser zu sehen
die sahen so aus wie puppenhaeuser
da fehlten die aussenwaende

soviele steine
soviele truemmer

am
bahnhofeingang von altona
gab uns mutti jeden ein paar blumenstraeusse

und mutti sah
zu
wie wir die blumen verkauften

dann brachte
uns mutti mehr blumen
bis alle verkauft waren

dann sind wir
ein paar strassen weiter
zu onkel ernst und tante agnes gegangen

onkel ernst war
mutties bruder


es waren monate vergangen

ich hatte das
versprechen von mutti vergessen

es war
heiligabend

mutti schloss
die tuer zu
nahm uns bei der hand
und so sind wir zur kirche gegangen

wir haben die
glocken gehoert

da war ein
tannenbaum mit kerzen

wir haben das
grippenspiel bewundert
wir haben gebetet und gesungen
und sind nach hause gegangen

als mutti die
tuer aufmachte
das licht anmachte

da stand eine
windmuehle
da lag eine puppe

jahrelang
konnte ich nicht verstehen
habe ich mich gewundert
wie das moeglich war

in meinem kopf
habe ich meine erinnerungen immer wieder hervorgerufen
habe ich gesehen wie mutti die tuer zugeschlossen hatte

wie war es
moeglich
dass der weihnachtsmann reingekommen ist

da war doch nur
das kleine fenster
ueber der tuer
und das war auch zu …

als ich so 9
war

wir drei waren
am einschlafen
in einem bett
klopfte es an der tuer

meine angst kam
zurueck
mein atmen wurde leiser
wir hielten uns fester

mutti
hoerte ihren namen

“graetchen”

sprang aus dem
bett
oeffnete die tuer
und hielt papa in ihren armen

am naechsten
tag
habe ich papa bewundert

als ob ich ihn
niemals zuvor gesehen haette

jahrelang
hatten wir
fuer seine gesunde rueckkehr gebetet

nun stand papa
vor mir

papa packte
seine sachen aus

da war ein
muehle spiel

mit scharz
roten feldern
und scharz und rote runde stuecken

eine bibel
mit stempel drin
von den verschiedenen pow camps
in denen papa in amerika war

dann war da
sein geschirr
sein teller
seine loeffel
aus alluminium

sein bart


und geschichten

auf der
ueberfahrt im schiff wurde papa so seekrank
bis papa sauerkraut bekam
dann ging es ihm besser


wie ueberrascht papa war
als papa in amerika ankam

mit dem zug
sind sie lange gefahren
ohne zu wissen … wo sie hinkamen

die erste nacht
im lager
da war ein bett
mit weissen laken
unten und oben

und am
nachttisch
lag eine orange

wie papa
spaeter in amerika baumwolle geflueckt hat
wie schwer es am ersten tag war
den langen sack mit baumwolle mitzuschleppen
wie pricklich es war, die baumwolle abzunehmen

wie mit jeden
tag
der sack voller wurde

dann hat papa
geholfen
erdnuesse zu ernten

und jedesmal
wenn nach freiwillige arbeiter gefragt wurde
meldete sich papa

so ist papa
vom norden bis zum sueden von amerika gekommen

von den
stempeln und erinnerungen
war papa in pow camp in algona, iowa
in mississippi alabama tennissee kentucky

einmal
arbeiteten sie bei einem bauer
ein waechter war eingeschlafen unter einem baum
ein jeep mit military police kam gefahren
papa lief zum schlafenden waechter
weckte ihn auf

ein anderes mal
sah papa
wie ein auto ohne dach die strasse entlangfuhr
mit singenden schwarzen maennern
ohne lenkrad

sie steuerten
das auto
mit einer angeklemmten zange

wir lebten alle
vier
eine zeitlang weiter im fluhr

es war sommer
ich spielte draussen
machte meinen ‘spiel zement’ aus sand und wasser
und war dabei einen riss im haus damit vollzuschmieren

mit einem
lauten kraeftigen

… nein …
nein …

dass ist nicht
unser haus …
wurde mein spielen unterbrochen

ich hab mich so
erschrocken

und fuer mich
war dass wo ich anfing
angst vor papa zu haben

es klingelte
es war pause

ich war der
letzte rauszugehen
ich sah den fuellfederhalter von meiner lehrerin
auf ihrem tisch liegen

ich nahm ihn
steckte ihn in meine tasche

draussen zeigte
ich ihn meinen freund
‘woher hast du den”
von meiner tante

die lehrerrin
suchte ihren fuellfederhalter
fragte ob ihn jemand gesehen hatte

mein freund
sagte
werner hat ihn mir gezeigt

ich schaemte
mich

ich gab ihr den
fuellfederhalter zurueck

sie brachte
mich zum schulleiter

er sah nicht
meine angst
er hoerte nicht mein innerliches schreien
er sah nicht meine innerlichen wunden

er verpruegelte
mich

ich weinte
nicht

er schickte
mich nach hause

die schueler
erinnerten mich jahrelang hinterher
dass ich ein ‘klauer’ bin

das tat mir am
meisten weh

dann ist es
passiert
dass ein anderer junge
ein paar bunte stifte von einer mitschuelerin nahm
und ich zu ihm ‘klauer’ sagte

das tat ihm weh
aber er … erzaehlte es seinem vater

sein vater kam
zur schule
ich bekam eine pruegel

ich habe mich
gewundert
wie das moeglich ist
dass mich alle mit ‘klauer’ anrufen duerfen
aber ich darf es nicht

einmal fragte
der lehrer
‘werner willst du englisch lernen
oder in der zeit … in meinem garten arbeiten ?’

wenig war mir
meine zukunft bekannt
oder … dass ich in 10 jahren
in ein englisch sprechendes land leben werde

dann sind wir
umgezogen
von einem ende vom dorf
zum anderen ende

die zimmer
wurden getaeuscht
eine alleinstehende frau zog in unser kleines zimmer
wir zogen in ihr groeseres zimmer

unsere sachen
waren in einem haufen
am eingang im korridor

da waren zwei
tueren
es waren keine gewoehnlichen tueren

die tueren
schwangen in beide richtungen auf und zu
und kamen von alleine
zur mitte zurueck

links …
hinter diesen schwingetueren
war das zimmer wo wir einziehen sollten

aber die frau
war nicht zuhause

so blieb ich da
alleine
habe auf unsere sachen aufgepasst
bis leute kamen
und die haben die tuer aufgemacht
und haben das zimmer ausgeraeumt

dann sind wir
eingezogen

dann lebten wir
da
in diesen fluechtlingsbaracken
an der bille
in einem zimmer

aber diesesmal
war das zimmer vielleicht viermal so gross
und hatte ein richtiges fenster

direkt vor dem
fenster
waren schuppen fuer uns

hinter diesen
schuppen
rechts aus dem fenster
ware ein langer holzschuppen
mit einer tuer
fuer jede familie

links waren die
toletten

zwischen den
toletten und den holzschuppen
war ein steiler berg runter zur bille
da wurde das abwaschwasser runtergeschuettelt

auf der anderen
seite der bille
war eine wiese

links von der
baracke war ein zaun
dahinter war eine chemische fabrik
auch in einer baracke

in der mitte
vom zimmer
im fussboden
war eine tuer zum keller

da ging eine
leiter runter

unten war alles
offen
zu den nachbarnkellern

unten war sand


draussen sahen wir enten
sind hintergelaufen
so wie wir es auf der flucht so oft gemacht hatten

haben sie
gefangen
und ihnen den hals umgedreht

wir kamen
haendevoll mit enten nachhause
wir waren stolz

mutti und papa
waren traurig

am abend
nahm uns papa mit den toten enten
zu den einheimischen leuten
denen die entern gehoerten

ich schaemte
mich
die strafe tat weh

im zimmer war
ein bett
fuer mutti und fuer meine schwester

da war ein bett
fuer papa

ueber das bett
von papa
war mein bett
mit stroh matrazen

ein herd
fuer holz und kohle
zum kochen und heizen

an der wand hat
papa ein paar bretter festgemacht
fuer die pfanne
fuer den kochtopf
fuer die teller

einmal in der
woche
hat mutti wasser warm gemacht
mich in einen grossen topf gestellt
und mich von oben bis unten gewaschen

bis es mir
einmal genug war
und ich sagte
ich kann es selber machen


in der mitte
von der baracke
war ein korridor
mit einer birne in der mitte

am anderen ende
von der baracke
war ein wasserhan

ab und zu habe
ich den flur gefegt
zuerst mit wasser bespritzt
sodass es nicht so staubt

da waren so 10
tueren
an beiden seiten vom korridor

die waende nach
aussen und zwischen den raeumen
waren aus bretter gemacht
im winter war es kalt

wir hatten
klunkersuppe kartoffeln und herringe zum essen
wir haben die teller ausgeleckt

mutti
war eine gute mutter

mutti
sorgte fuer mich
kuemmerte sich um mich

nebenbei
hat mutti
in der gastwirtschaft
auf der anderen seite von der bille gearbeitet

sie hat die
teller abgewaschen
sie hat uns kuchen mitgebracht
dass andere leute
auf dem teller zurueckgelassen hatten

wenn ich
morgens mein brot zur schule vergessen hatte
kam mutti mir nachgelaufen

nebenbei hat
mutti
fuer uns
fuer andere
gestrickt und genaeht

papa war ein
guter vater

papa
hat nicht geraucht
hat nicht getrunken

papa
hat sein leben lang
von morgens bis abends
fuer uns gesorgt

wir haben am rand von kartoffelfelder
auf das signal vom bauer gewartet

dann stuermten
wir
mit anderen fluechtlingen auf das feld
um kartoffeoln nachzuhakken

wenn wir beim
kartoffelnhacken glueck hatten
waren wir leise
damit die anderen fluechtlinge nicht kommen
damit wir die kartoffeln selbst finden



am tag
hat papa fuer einen bauern gearbeitet

dann jahrelang fuer das englisches militaerlager in glinde


das geld wurde gespart
zuerst fuer ein fahrrad fuer papa
dann fuer einen holzwagen

der holzwagen
war so gebaut
wie ein kleiner leiterwagen

wo mutti und
papa vorne zogen
und wir hinten schiebten

oft hoerte ich
dass meine schwester fleissiger war als ich
beim nachstoppeln
beim wagen schieben

einmal hat
mutti uns losgeschickt
in einen wald
jeder mit einer alluminum kanne

meine schwester
kam zurueck mit voller kanne blaubeeren
ich kam zurueck mit vollem bauch

einmal haben
wir buchackern gesammelt
sodass mutti dafuer ihr fahrrad kaufen konnte

ein tag kam
papa mit gesenktem kopf nach hause

ich hatte
mitbekommen
papa war entlassen worden

ohne zu fragen
hatte papa naegel bei der arbeit
in seine tasche gesteckt

wurde am
ausgang angehalten
wurde entlassen

ohne ein wort
mit der familie
oder mit mir darueber zu reden
wurde das geheim gehalten

ich schaemte
mich

dann hat papa
am tag und in naechten
kohlen geschaufelt
als heizer fuer die kasernen in wentorf
dass voll mit fluechtlingen war

dann musste
papa nocheinmal zur schule gehen
um zu lernen
die heizung
zu bedienen

als kind
ging papa im winter schule

im fruehjahr
und im herbst
ging papa nicht viel zur schule

in der zeit hat
papa seinem vater auf dem bauernhof geholfen

dafuer bekam
der lehrer eier und butter

und so habe ich
die schreibsachen
von kleinen buchstgaben
auf grosse buchstaben umgeschrieben …

damit papa es
lesesn konnte
damit papa es auswendig lernnen konnte

bei der
abschlusspruefung hatte papa auch angst

einige von
seinen mitarbeitern
konnten den druck von den fragen nicht aushalten
und sind aus dem zimmer gegangen

papa war stolz
das er es ausgehalten hat


am wochenende hat papa
in den gaerten fuer reiche leute gearbeitet

manchmal hat
papa die pferde am sonnabend bekommen
und ich habe das pferd vor dem flug geleitet
fuer kartoffeln und zuckerrueben felder

so oft traeumte
ich
den flug zu halten
hatte aber nicht meinen mut gefunden
papa zu fragen

am anderen ende
von der baracke
unter dem wasserhan
war ein richtiger keller
mit einer grossen kessel

da haben mutti
und papa sich angemeldet
um die waesche
zu kochen
zu stampfen
zu waschen

oft haben mutti
und papa
in dem kessel zuckerrueben gekocht
und syrup gemacht

irgendwie kann
ich mich noch heute an brot erinnern
mit den geschmack von den surup

es dauerte auch
nicht lange
und mutti backte wieder kuchen

ja
ihr vater hatte in kutten
eine kleine landwirtschaft mit einer konditorei

beide opas
waren baeckermeister
und so hat mutti das kuchenbacken gelernt

oft habe ich
gesehn
wie stolz mutti
auf ihre kuchen und torten war

der kaffe war
zuerst kein richter kaffee
er war von roggen gemacht

meine
wertvollsten erinnerungen
haben irdgendwie etwas mit kaffe und kuchen zu tun

in der schule
bekamen wir schokoladensuppe aus amerika


dann fing papa an
alte bretter zu sammeln
und schuppen an den baracken anzubauen

zuerst hatte
papa einen hammer … aber keine zange
und so hat papa mir gezeigt wie man einen nagel zuerst umbiegt
um ihn so leichter aus einem alten brett rauszuziehen
und dann den nagel wieder mit dem hammer gerade macht

dann habe ich
zugesehn
wie papa aus dem leder von weggeschmissenen schuhen
ein paar scharniere machte
damit die tuer zum schweinestall
auf und zu …
zu machen geht …

einmal kam papa
nach hause
rief uns zusammen

mit grosser
freude oeffnete papa langsam seine brottasche
da war ein kleines weisses ferkelchen

und so langsam
erweiterte sich unser vieh


wir hatten wieder kaninchen kuecken huehner
kleine entchen und grosse enten
gaense schafe ziegen schweine
wie ein kleiner bauernhof

ich habe
zaertliche erinnerungen
kueken in meiner hand zu halten
ihnen zuzusehen
wie sie meine spucke
aus meinem mund
getrunken haben

ich hatte spass
mit den kleinen ziegen

und war
vorsichtig
mit den grossen ziegen
denn es kam vor …
dass sie … mit ihrem kopf … stossen

oft kam ich von
der schule nach hause
fand einen zettel auf dem tisch

das essen ist
im bett
komm auf das feld

im bett war ein
topf mit reis
auf dem feld waren die fluechtlinge beim nachstoppeln


ich kann mich erinnern
es war kalt

meine tante
anna und onkel otto kamen von elmshorn
zum schweineschlachten

da war ein
langes becken aus holz

da war ein
nachbar
das schwein wurde betaeubt

mutti war da
mit einer schuessel
um das blut aufzufangen

das schwein lag
im becken
kochendes wasser wurde ueber das schwein gegossen
um die haare zu entfernen

da war eine
holzleiter an der baracke gestellt
das schwein wurde mit den hinterfuessen
an der leiter aufgehaengt

der bauch wurde
aufgeschnitten

ein mann kam
mit einem mikroskop
stempelte das schwein
er bekam was gebratendes vom schwein zum essen

fuer uns machte
mutti blutpfannkuchen

dann wurde der
darm saubergemacht und gewaschen
und wurst gemacht

da war eine
tonne
da wurde fleisch mit salz gehalten

papa brachte
fleisch zum raeuchern

wir hatten wieder genug zu essen

oft habe ich
mutti beim ausschneiden von stoff geholfen

ein model wurde
zuerst auf zeitungspapier uebertragen
mit einem kleinen hand-raedchen
und dann ausgeschnitten

oft habe ich
mutti zugesehn
wie sie naehte

im spaetherbst
hat papa holz gesammelt
baumstumpen ausgebuettelt

einmal sah ich
papa zu
wie papa mit einen schlaghammer
eisenkeilen in einen baumstumpen klopfte …

dass war
schwere arbeit

papa ruhte sich
aus
und machte eine pause
und sagte dann zu mir
geh zur seite

ich habe von
der seite aus weiterzugesehn
und dann ist es passiert

der
schlaghammer kam vom stiel los
und flog dort hin
wo ich einen moment vorher stand

wir kukten uns
beide an
ohne ein wort zu sagen

meine schwester
und ich hielten das holz auf den saegebock
mutti und papa saegten
mit einer langen und breiten saege hin und her

dann wurde das
holz in kleine stuecke gespalten
und im kreis
wie eine pyramiede aufgestapelt

ja, irgendwie
war es wichtig
das der stapel gut aussieht


ja, papa war ein guter vater
papa war der beste vater in der welt

sein lebenlang
hat papa fuer uns gesorgt
hat papa sein leben fuer uns geopfert

wenn papa zu
weihnachten eine tafel schokolade vom arbeitsgeber bekam
hat papa es nicht selber gegessen
hat papa es mit nach hause gebracht
und hat es mutti gegegen

oft war es
meine arbeit
die ziegen
die schafe
morgens zur weide zu fuehren
abends nach hause zu fuehren

morgens konnten
die tiere nicht schnell genug hinkommen

ich hatte beide
haende voll mit ketten
um sie zurueckzuhalten

an einen langen
hohen zaun entlang
dann links ab zur bille

da war eine
grosse bruecke ueber die bille
und dann eine kleinere bruecke

da war ein
steiler berg hoch
und dann ein weg zwischen zwei felder

links vor der
gastwirtschaft
wo mutti manchmal arbeitete
da war ein kleines haus
mit fluechtlinge

hinter dem haus
war eine wiese mit einen bach
und da suchte ich eine neue stelle fuer die tiere

sodass die
kette auch lang genug war
um im bach
wasser zu saufen

abends hat
mutti mich erinnert
dass ich die tiere nicht laufen lasse
damit sie ihre milch nicht verlieren

im winter
bekamen die ziegen zuckerrueben
die milch schmeckte mir nicht mehr
sie war mir zu suess

so hat muttie
versucht mich zu taeuschen
und mir halb milch und halb ziegenmilch gegeben

aber ich habe
es doch geschmeckt

ich mochte
auchen keinen fisch mehr essen
so hat mutti fuer mich ausnahmen gemacht

dann habe ich
fuer ein paar jahre
tennisbaelle im tontaubenclub
in wohltorf gesammelt

oft fuer einen
tennislehrer
ab und zu fuer einen doktor

manchmal kam es
vor
dass der doktor sich bein spielen so aergerte
und mir einen tennisball am kopf schoss

ich habe mich
gewundert
wie so ein fein gelernter mensch
so haesslich sein kann

papa war ein
guter vater
aber irgendwie nicht gut genug
fuer mutti

oft gab es
steit


papa bettelte
… ich kann es nicht mehr aushalten …
… alles hat ein anfang …
… alles hat ein ende …

mutti
konnte nicht aufhoeren

irgendwie
meinte sie
dass papa zu gutmuetig war
dass andere leute papa ausnutzten

und

irgendwie
erinnerte sich mutti
immer wieder
an ostpreussen


als jung verheiratete frau
wo mutti einmal
stolz nach hause kam
mit neues material zum naehen
und es papa zeigte

papa konnte
sich nicht mitfreuen

im gegenteil
papa sagte im harschen ton
du wirst nicht wirtschaften koennen

und ist aus dem
haus gestuermt

und dass muss
mutti so weh getan haben
dass mutti es irgendwie nicht vergessen konnte
und es kam immer wieder raus

irgendwie
waren ihre alten wunden offen geblieben
konnten sie nicht heilen

papa hat es
sich immer wieder angehoert
papa hat es nicht abgesgtritten
papa hat darunter gelitten

nur wenn papa
nicht mehr zuhoeren konnte
fing papa an zu betteln

mit:

alles hat ein
anfang
alles hat ein ende


einmal war es so schlimm
mutti drohte
sich aufzuhaengen

mutti ist
weggelaufen
papa schickte mich hinterher

ich war
vielleicht 11 jahre alt
folgte mutti

ueber eine
bruecke
in einen wald

ich hatte angst
hab mich hinter baeumen versteckt

dann sah mich
mutti

ich schaemte
mich
mutti schimpfte mich aus
mutti schickte mich nach hause

aber
zuhause wurde nur weiter gespaart
sodass wir aus den baracken rauskommen
sodass wir wieder unseres eigenes zuhause haben

in der schule
war ich faul
in der 4. klasse bin ich sitztengeblieben

ich habe
das mir und mich
das dir und dich
beim sprechen verwechselt
und ich konnte nicht richtig schreiben

einmal fragte
der lehrer nach den vornamen vom vater
als ich rankam
sagte ich ‘oskar’
die kinder lachten

seitdem wurde
ich mit oskar angerufen
dass tat mir weh

ich hatte angst
wenn der lehrer
alphabetisch
beim auflesen der namen war

ich wusste wann
mein name rankam
und konnte das … hier …
nicht rausbekommen

ich fing an zu
stottern

einmal schickte
mich mutti
mit einer aluminum kanne zum milch einkaufen

auf dem
rueckweg
kam ich an ein feld vorbei
wo kinder fussball spielten

ich sah eine
weile zu
dann stellte ich die kanne hin
und spielte mit

ich hatte spass
ich vergass die zeit

dann erinnette
ich mich
dass mutte gesagt hatte
komm schnell zurueck
damit ich die milch fuer die michsuppe habe
denn du weist ja, wenn pappa nach hause kommt
ist papa hungrig

mutti hatte
schon hinter der tuer
mit einem besenstiel
auf mich gewartet

im gefecht
liess ich die milchkanne fallen

die milch lief
aus
und so gekam ich noch mehr pruegel

mutti hatte ein
‘euter ein geschwuer’ an ihrem hals
und wenn mutti sich so ueber mich aergerte
dann sagte mutti, dass ich schuldig bin,
dass es ihr so wehtut

ich schaemte
mich

dann wurde ich
nach amrum verschickt
ich erinnere mich
auf die fahrt von hamburg

im zug traf ich
einen jungen aus aumuehle
aus der naechsten ortschaft

ich war so froh
dass er mich nicht kannte
und so haben wir die fahrt
ununterbrochen gesprochen

irgendwie
wusste ich
dass mutti
in der zeit ins krankenhaus kommt
um an ihr geschwuer am hals operiert zu werden

und so betete
ich
an jesus und an gott
mit voller kraft und vertrauen
dass ich gehoert werde
dass sie mutti helfen werden

sowie wir
fuer papas gesundheit und heimkehr
so oft gebetet und geglaubt hatten

an einen tag in
amrum
alle kinder sassen an einem langen tisch
jemand hatte geburtstag

die erwachsenen
suchten nach dem geburtstagskuchen
konnten ihn nicht finden
und fragten ‘hat ihn jemand gesehen’

mir stiess mein
blut in den kopf
ich wurde rot
alle kukten mich an

ich sagte: ‘ich
habe es nicht getan’


hinterher sind wir durch die duenen am strand entlanggegangen
ich war der letzte in der reihe

dann, ohne es
zu merken
ging ein maedchen neben mir
hilt meine hand
und sagte zu mir:

ich glaube dir

du hast es nicht getan

ich war alleine
zuhause
mir war es langweilig
ich hatte nichts zu tun

mutti
besuchte die nachbarsfrau

ich sass am
tisch
und sah
unseren neuen wecker

ging hin
brachte ihn zum tisch
und bewunderte ihn

da war soviel
zu sehen
und anzufassen

hinten waren
ein paar schrauben
einige ging links rum ab
andere goingen rechts rum ab

mit jeder
schraube
uebte ich mein gedaechniss
woher sie kam
wohin sie wieder zurueckkommt

dann war der
deckel frei

da war soviel
zu sehen
da war soviel anzufassen

ich hoerte das
klicken lauter

ich sah wie
sich ein rad
mit vielen zaehnchen im kreis drehte
wie sich ein anderes hin und her drehte

meine kleinen
finger
wollten alltes anfassen
und dann ist es passiert

eine feder
sprang raus
und jedesmal
als sie fast wieder drin war
sprang sie wieder raus

ich bekam es
mit der angst
wickelte alle teile
in ein handttuch
und lief weg

durch einen
wald
ueber eine bruecke

mitten auf der
bruecke
blieb ich stehen
sah runter

das wasser war
schwarz

dann
ohne nachzudenken
liess ich den wecker
mit dem handtuch fallen

dann
sah ich blasen hochkommen

dann
war alles wieder schwarz und still

ich fuehlte
mich erleichtert
und dachte
alles waere vorbei

zuerst
wollte ich weiter weglaufen

dann hatte ich
eine idee

ich drehte um
und lief nach hause
wo mutti war

und sagte
mutti mutti
komm schnell

ich sah
einen verkaeufer
der kam aus unserem zimmer
und er trug was unter seinem arm

mutti kam
gelaufen
und ging zur stelle
wo sie was versteckt hatte

mutti war froh
es war noch da

ich sagte …
mutti ich sehe unseren wecker nicht

mutti hebte
beide haende hoch
an ihren kopf

… ach du
lieber gott …

hier
nimm das geld
und kaufe einen neuen wecker
und komm schnell zurueck
damit papa es nicht merkt

als ich die
tuer
zum laden aufmachte
sah ich ein regal voll mit wecker
und ich konnte mich
nicht an die farbe erinnern
und wie er aussah

auf dem weg
nachhause
hatte ich angst

dass ich
den falschen wecker
gekauft hatte

dass papa
es merken wuerde

dass ich dann
meine pruegel
bekommen wuerde

papa kam
nachhause
fuetterte das vieh
wusch seine haende
und ass sein essen

bratkartoffeln
herringe
und klunkersuppe

die fahrraeder
wurden zwischen den baetten gestellt

meine schwester
und mutti
schliefen in einem bett

papa
in einem anderem bett
mein bett war ueber papas bett

vor dem
einschlafen
fragte papa

mutti
hast du den wecker gestellt

Ja, papa …

ich hoerte
jedes wort

ich war
beruhigt
und dachte
nun ist mein problem vorbei

und bin
eingeschlafen

einmal
kam ich von der schule nach hause

irgendwie
hoerte ich
dass papa
fuer mich
ein gebrauchtes fahrrad
gekauft hatte

ich viel auf
meine knie
ich kuesste den fussboden

meine schwester
wurde konfirmiert
aber ich kann mich an den tag nicht erinnern

meine schwester
ist zur ausbildung
in ein schule nach barsbuettel gezogen

ab und zu bin
ich mit meinem fahrrad so 15 km gefahren
ueber neuschoenigstedt
dann ein stueck auf einer im bau unterbrochenen autobahn
die noch vor dem krieg angefangen wurde

habe das
fahrrad von mutti neben an gefuehrt
um meine schwester zum wochende abzuholen

irgendwie habe
ich in erinnerung
ein teaterspiel zu sehen
vielleicht von einem bild
wo meine schwester
in der schule in barsbuettel
mitspielte


als ich so 12
jahre alt war
auf dem heimweg von der schule
blieb ich stehen

arbeiter waren
dabei dass neue rathaus zu bauen
ich sah ein arbeiter wie er am giebel
einen ziegel nach dem anderen aufsetste
und die mauer baute

ich sah wie ein
anderer arbeiter
eine lange leiter runterkam
steine … wie eine pyramiede … auf einen brett baute
wie er das brett … mit den steinen … auf seine linken schulter tat

wie er dass
brett mit der linken hand festhilt
wie er die leiter mit der rechten hand festhilt
wie er die wacklige leiter hochgeklettert ist

ich sah seinen
schweiss
von seiner stirnne rinnen

vielleicht
spuerte ich auch seine angst

vieilleicht
hatte ich angst
dass er runterfallen wuerde

ich weiss nicht
mehr wie lange ich da gestanden habe
wieviel male ich das gleiche wiederholt gesehen habe

wie ungerecht
ich es fand
dass der eine spass bei der arbeit hat
weil der andere die schwere last traegt

und ohne es zu
wissen
habe ich mich auf der stelle geaendert
und habe angefangen in der schule zu lernen

ich wollte
nicht aufhoeren zur schule zur gehen
und so habe ich mit mit mutti gebettelt
mutti moege zur schule kommen
sodass ich weiter lernen darf

der lehrer
bestaetigte mutti
dass ich auf einmal soviel kraft und energie zum lernen habe

aber er meinte
es ist zu spaet
fuer die mittelschule
fuer die oberschule
und unsere familie gehoert nicht zu der klasse von menschen

im
volksschul-abschlusszeugnis stand drin

das kind hat
das ziel

nicht
der schule _________ erreicht

dass wort …
nicht … war vom lehrer
mit der hand reingeschrieben

und tat mir weh

auf meiner
konfirmation zitterten mir die beine
es war das erste und letzte mal
wo meine eltern dabeiwaren
wo ich eine frage bekam
und wo ich was auswendig sagte

vor meiner
kofirmation
habe ich mich bei der bundesbahn
um eine lehrstelle beworben

ein tag kam ein
brief
ich hatte die pruefung bei der bahn nicht bestanden
aber weil sie nicht genug leute hatten
hatte man mich doch noch angenommen

und so habe
ich mit 14
bei der bahn
als junkwerker
angefangen

ich habe 5 tage
gearbeitet
tag oder spaetschicht

und sonnabends
war fuer ein paar stunden schule

jede paar
wochen wurde meine arbei gewechselt

einmal habe ich
beim hauptbahnhof in hamburg
zettel in ein dickes buch geklebt

dann sagte ein
mann
du kannst zum bahnhof gehen
da kommt der erste zug aus russland
mit kriegsgefangenen

da habe ich
zugesehn
wie manche soldaten gestuetzt
aus den wagen rauskamen konnten

da habe ich
gesehen
wie viele soldaten getragen wurden
weil sie zu schwach zum gehen waren

ja vielleicht
waren da ein paar soldaten mit dabei
die wir wir auf der flucht sahen
wie sie in gefangenschaft maschierten

einmal bin ich
alleine mit der eisenbahn
durch deutschland gefahren
bis zur zugspitze

ein anderes mal
bin ich mit einen arbeiteskollegen
mit dem zug zuerst gefahren
dann mit dem fahrrad
ohne gangschaltung
durch den schwarzwald
und am bodensee entlang

dann habe ich
im reinbeker bahnhof gearbeitet

ich habe die
waggongnummer von neue angekommenen waggons aufgeschrieben

wenn ein
lastfahrer kam habe ich ihn die nummer vom waggon gegeben
sodass er seinen waggon mit briketts finden und ausladen konnte

dann habe ich
in friedrichsruh am bahnhof gearbeitet

da habe ich
morgens den ofen saubergemacht
und neues feuer mit holz und kohle angefangen

ich habe die
fahrkarten geknippst
ich habe die fahrkarten abgenommen
ich habe den bahnsteig gefegt
ich habe die toletten sauber gemacht

fuer ein paar
wochen
bin ich die strecke auf den bahnschwellen mitgegangen
von mittlerer landwag
nach friedrichsruh

ein tag hin
einen tag zurueck

ich habe nicht
viel gelernt

erst als ich so

14 jahre alt war
ist der mann nebenan ausgezogen
und wir bekamen ein kleineres zimmer hinzu

da wurde eine
oeffnung in die wand gesaegt
sodass die zimmer verbunden sind

mutti konnte
nicht mehr warten
und so haben meine eltern moebel gekauft

eine dunkelrote
couch
die nachts ausgezogen wurde
wo meine schwester geschlafen hat

dann kauften
wir einen schrank fuer das geschirr
da waren viele tueren
und eine schublade

da war auch ein
tisch
und neue stuehle

aber es wurde
weitergespaart
und mit 16 hatten wir genug

meine eltern
haben dann ein altes haus in reinbek gekauft

an dem
umzugstag
kam ein lastwagen

ich erkannte
den fahrer
den ich so oft am reinbeker bahnhof geholfen hatte

ich hatte keine
ahnung
dass papa die kohlen
aus seinem wagen
am anderen ende
ausschaufelte

zuerst hatten
wir im haus nur ein zimmer
bis die eine familie ausgezogen ist

die erste nacht
hatte ich fuerchterliche traeume

dann bekam ich
mein eigenes zimmer

meine schwester
war mit iherer 2 jaehrigen ausbildung in barsbuettel fertig
und kam nach hause
und fing mit einer schneiderlehre in reinbek an

es war ein
sommertag
ich hatte einen eimer kalkfarbe
ein pinsel
und war dabei die kilometersteine
entlang den eisenbahnschienen
von hamburg bergedorf
bis mittlerer-landweg anzumahlen

ich koennte mir
nicht vorstellen
sowas mein lebenlang zu machen

dann habe ich
aufgehoert

papa war boese
und enttaeuscht

und sagte
aergerlich
‘du wirst zu nichts werden’

so sehr
brauchte ich seine liebe

das tat weh

ich wollte
feinmechaniker werden
hatte aber nicht den mut es zu sagen

so habe ich mir
eine arbeit
fuer eine speditionsfirma
beim hamburger hafen gesucht

papa meinte
dass ist nichts fuer dich
da wirst du auch nicht aushalten

papa hatte
recht
am ersten tag gefiel mir die arbeit nicht
aber ich wollte es papa beweisen
dass ich was anfangen und beenden kann

und so habe ich
es fuer 3 jahre ausgehalten

formulare
ausgefuellt
botengaenge gemacht
kisten gestapelt


in den 5 jahren
habe ich nicht viel gelernt
war ich billige arbeitskraft…


aber
nebenbei
habe ich tanzen gelernt
und schreibmaschinenschreiben gelernt

auf der
aussenalster
habe ich segeln gelernt

ja,
das segeln war fuer mich so schoen
wie das fahrradfahren

das boot
schwebte im wind
wie ein vogel

hin und wieder
hatte ich ein paar freunde
aber keinen kameraden … keinen kumpel
keine freundin

sonntags
bin ich oefters
mit mutti
zur kirche in reinbek gegangen

zuhause habe
ich die bibel gelesen
als ob ich predige

stundenlang
habe ich in schaufenster gesehen

mein geld
gespaart

habe
mir ein neues bett
mit neuer matratze gekauft

ich war nun so
18 jahre alt

wenn ich auf
meinem neuen bett lag
sah ich oben auf eine nackte beton-decke

irgendwie
konnte ich es
mutti
papa
nicht sagen

und
ohne darueber nachzudenken
ging nachts los
und klaute die sachen
die ich brauchte
von baustellen nebenan
um meine decke zu verputzen

papa kam nach
hause
riss mich von der leiter runter
holte den nachbarn
der das gelernt hatte zu machen

ich ueberhoerte
die frage vom nachbarn
‘woher hat er die sachen’

darueber wurde
nicht wieder in der familie gesprochen

ich schaemte
mich

ein tag kam
papa nach hause
papa hoerte dass eine familie gesucht wird
die einen amerikanischen schueler
fuer die sommnerferien unterbringen koennten

und so kam
roger aus arizona zu uns

roger sprach
kein wort deutsch
mutti kein wort englisch

irgendwie haben
die beiden sich verstanden

schade das ich
in der zeit arbeiten musste

mit 19 nahm ich
ein kleines frachtschiff
‘magdalene oldendorf’
von amsterdam
nach norfolk, virginia


es dauerte zwei wochen

es war ein
kohlenschiff
dass leer rueberfuhr
um kohle von norfork abzuholen

die letzte
nacht
konnte ich nicht schlafen
und so habe ich vorne gewartet
bis am fruehen morgen amerika zu sehen war

ich hatte 100
dollar in meiner tasche
und zwei umschlaege mit addressen
und eine telefonnummer

am ersten tag
hatte ich glueck

ein passagier
fragte
wie ich weiterkommen wuerde

und so nahm
mich sein onkel bis nach philadelphia mit

zuerst mit
einer faehre

nach einen
langen tag im auto
nichts als armut aus dem fenster zu sehen
kamen wir abends an

dann hat mich
dort eine familie von lawrenceville, new jersey
am spaeten abend abgeholt

ich hatte ihren
sohn
in hamburg getroffen
und ihn zum sonntags kaffee und kuchen eingeladen


da habe ich

mein english
fuer drei monate
vom fernseher gelernt

ab und zu
sah ich bilder

von menschen
mit haut und knochen

von menschen
in massengraeber

ich hatte schon
elend gesehen und erlebt
ich war auf diese bilder
nicht vorbereitet

es tat mir weh

zum anfang
konnte ich nicht lange zusehen

von mutti papa
lehrer pfrarrer radio
hatte ich davon nichts gehoert

ich war alleine
mit meinen gefuehlen und gedanken

da habe ich den
rasen gemaeht
das war eine tagesarbeit
mit sitzendem rasenmaeher

dann habe ich
ihr holzhaus von aussen gestrichen
und habe eine tellertuer gebaut

beim abwaschen
beim waeschewaschen
habe ich mitgeholfen

es war frueh am
morgen
es hat etwas geregnet

ich stand am
rand der ‘us nummer 1’ strasse
in princeton new jersey

ich hielt
meinen daumen hoch
aber keiner wollte anhalten

dann habe ich
mich naeher der fahrban gewagt
und auf einmal kam so ein gosser lastwagen vorbei
dass ich mit angst zuruecksprang

erst nach einer
weile
merkte ich
dass der lastwagen angehalten hatte

ich lief hin

kletterte eine
leiter hoch
oeffnete die tuer
und sah nur das weisse in seinen augen

in dem moment
hatte ich angst

ich wusste
nicht
ob ich einsteigen sollte
oder wieder runtergehen sollte

als ich mich
still reinsetzte
wagte ich nicht
den fahrer anzusehen

nach einer
weile
liess der fahrer seine rechte hand vom lenkrad los
und suchte was hinter sich

ich dachte mir
jetzt wird er ein pistole suchen
mich erschiessen
mein geld nehmen
und

mutti und papa
werden nichts mehr von mir hoeren

aber
er fand was
wickelte es aus
und reichte mir die haelfte von seinem brot

dann kamen wir
ueber die george waschington bruecke
ueber den hudson fluss n

ach new york
city

er fragte wo
ich hin will
ich zeigte ihm den umschlag mit adresse

er fuhr viele
kleine strassen
bis er vor dem gebaeude anhielt

damals habe ich
mich herzlichst bedankt

heute werden
meine augen nass
wenn ich daran denke

von der familie
hoerte ich
das es eine deutsche gesellschaft gibt
die mir weiterhelfen koennen

die
gesellschaft st

rahlte mir mit
freude entgegen
ich hatte glueck

die deutsche
quota fuer einwanderer war fuer den monat noch offen
also nicht genug deutsche, die hier einwandern

wollten

und so
schickten sie mich zum amt

der mann fragte
mich
warum ich hier bleiben will
ich sagte
schlicht und einfach

mir gefaellt es
hier

und so
stempelte er meinen reisepass
kritzelte was rein
gab mir ein formular
ich bezaehlte 25 dollar dafuer

nun
hatte ich nur noch 25 dollar uebrig


in wenigen minuten
habe ich mich von einem ‘besucher’
zu einem ‘einwanderer’ veraendert

dann bekam ich
von einer anderen stelle
einen kleinen zettel
den ich immer noch habe

mit meinen
nahmen drauf
mit einer langen nummer drauf
sodass ich steuern bezaehlen darf

als ich bei der
deutschen gesellschaft wieder zurueckkam
haben die mit einer deutschen firma telefoniert

und so bekam
ich meine erste arbeit
fuer 1.10 dollar die stunde
broadway nr. 10
in new york city

dann hatte ich
noch eine telefonnummer
und so traf ich ‘glen’
der hier von ohio war, und auch eine neue arbeit anfing
den ich vor jahren in hamburg einmal kurz getroffen hatte

wir fanden uns
zusammen ein zimmer
bei einer familie
mit ausblick auf den hudson fluss
und der george washington bruecke

dass zimmer war
gross mit zwei grossen fenstern
es war wie in ein luxus hotel
mit privat bad und dusche
mit telefon und tv

mein anteil war
55 dollar den monat
das war fuer mich viel geld

an wochendenden
und zu weihnachten
habe ich die familie in new jersey besucht

und nach ein
paar monaten
habe ich mir ein kleines zimmer in nyc gesucht
in einer schlechten nachbarschaft
mit nur ein bett drin
fuer 22 dollar im monat

so habe ich
jeden dollar gespaart
um papa 1000 mark
so schnell wie moeglich
zurueckzuzahlen

in der
‘riverside church’ kirche
in einer jugendgruppe in nyc
habe ich nette maedchen getroffen
die eine gute kindheit hatten

irgenwie konnte
ich mit maechen
die ohne angst in ihrer kindheit aufgewachsen waren
die mit liebe und zaertlichkeiten aufgewachsen waren
nichts anfangen

irgendwie habe
ich mir von den maedchen
ein maedchen ausgesucht
dass auch so wie ich mit angst aufgewaschsen war
dass auch so wie ich eine traumatische kindheit hatte


ja … das maedchen war zwei jahre aelter als ich
war voll mit innerliche wunden und schmerzen

nach neun
monaten merkte ich
dass da was nicht stimmt
habe mich getrennt

ich war froh

dann habe ich
meine eltern fuer einen monat besucht

meine eltern
hatten mein zimmer vermietet
meine schwester hatte in dem jahr geheiratet

ich hatte keine
freunde

meine freundin
schrieb mir viele liebesbriefe

so bin ich mit
der ‘hanseatik’
nach new york zurueckgekommen

ohne darueber
nachzudenken
hatte ich meine vorigen erfahrungen mit meiner freund

in vergessen

bin ich wieder
mit der beziehung angefangen
wo ich aufgehoert hatte

habe die eltern
von meiner freundin in minnesota besucht

habe fuer einen
monat bauer gespielt

sie wollte ohne
mich nicht mehr leben

dann … wollte
ich mich wieder trennen

zum zweitenmal
merkte ich
dass da was nicht stimmt



ich wollte nun freiwillig in die amerikanische armee ausreizen
habe es nicht geschafft
ich war so alleine auf der welt

und so bin ich
nach nyc zurueckgekommen

habe ich
in der christ chappel
in der riverside kirche
in nyc gebetet

an jesus und
gott
damit sie mir sagen
was ich machen soll

und so war es
mir
als ob ich jesus und gott hoerte

heirate dieses
maedchen
folge meine gebote
bleibe ihr treu
wir werden dich behueten und beschuetzen


und so haben wir
ein paar monate spaeter
ohne unsere familien
fern unsere heimaten
in der riverside church, in new york city … geheiratet

wir haben
gearbeitet und gespaart
und ein jahr spaeter
haben wir unsere hochzeitsreise begonnen


wir haben einen neuen vw
von der fabrik in wolfsburg abgeholt
meine eltern besucht

und sind fuer 6
monate durch europa und marocco gefahren

es war am
fruehen morgen
in toledo
hoerte ich
im ruhigen ton

‘ich liebe dich
nicht’

‘ich moechte
alleine leben
ich moechte nach hause fliegen’

‘du kannst das
auto behalten
ich behalte das geld in unserem spaarbuch’

blitzschnell
kam angst ueber mich
und die frage:

… was wird
papa nun auf mich denken ? …

ich fragte
warum ?

‘so fuehle ich
mich’

ich konnte das
nicht verstehen
und fing an zu handeln:

wenn du mich
nicht verlaesst
dann brauchte ich
keine zaertlichkeiten
keine … ‘compassion’ …
keine liebe
von dir

und so ist sie
geblieben
und so haben wir gelebt

und so
wiederholte sich
dieser ‘todestanz’
fuer viele jahre
und jedes jahr
wurde gehandelt



dann bin ich in minneapolis
fuer 5 jahre zur schule gegangen
habe nebenbei

als hausmeister
gearbeitet

habe rechnen
schreiben lesen gelernt
wo ich mit 14 aufgehoert hatte


ich habe geometry mattematik physik thermodynamic
chemie engineering machinenbau geology philosophy politik literatur gelernt

dann gingen wir
beide zur schule

dann habe ich
nebenbei
im universitaetskrankenhaus
in minneapolis
gearbeitet

dann wurde
unsere tochter geboren

im letzten jahr
von der schule
habe ich ein kleines segelboot gebaut

zur
abschlussfeier von der schule
hatte ich einen langen schwarzen mantel an
mit einen schwazen hut

zum fest kam
die familie von new jersey
die mich hier zuerst aufgenommen hatten

dann fing ich
an
in der mechanischen entwicklung

von komputers
bei ‘ibm’ zu arbeiten

dann wurde
unser sohn geboren

wir sind in
pine island in minnesota aufs land gezogen
mit
einem 6 wochen alten schaeferhuendchen

und in der
scheune
fand ich kleine
hinterlassene
ausgehungerte
kaetzchen

mutti kam fuer
4 wochen zu besuch

bei der arbeit
merkte ich
dass die aufgaben
nicht so waren … wie ich es in der schule gelernt hatte

in der schule
waren die probleme
schlicht und einfach
mit beispiele … wie ich zur loesung komme

bei der arbeit
waren die probleme
kompliziert
ohne beispiele … wie ich zur loesung komme

und ich bekam
mehr und mehr schwierigkeiten
entscheidungen zu machen

nach einem jahr
wollte ich aufhoeren
und nochmal zur schule gehen
um lehrersachen zu lernen
um kindern mit mein lieblingsfach ‘physik’ zu helfen

ich hatte ibm
nicht meine schwierigkeiten bei der arbeit erzaehlt
und so konnte ibm nicht verstehen warum ich gehen wollte
und so wurde ich zu einem abschiedsgespraech geschickt

seine erste
frage war:
‘how is your sex life ? ‘

ich fing an zu
weinen

ich konnte
nicht aufhoeren


und so landete ich im krankenhaus

ich hatte meine
gefuehle aus meiner kindheit so tief versteckt
dass ich selbst
dass die besten aerzte in amerika
sie … nach 3 wochen … nicht finden konnten
so wurde ich vom krankenhaus entlassen

hinterher wurde
ich tagsueber
noch so 4 wochen im krankenhaus weiterbehandelt

und dann
spuerte ich meinen drag
lehrer zu werden
nicht mehr


und so habe ich bei ibm … mit voller kraft … weitergearbeitet

Die Tür war
offen
Mein Sohn saß an einem kleinen Tisch

Ich kuckte über
seine Schultern
Er malte ein Bild
in ein Buch
mit bunten Stiften

Ich wickelte
meine Finger
durch seine Haare
Und dann ist es passiert

Es war mir so
Als ob ich Elektrizität berührte

Und es ging von
meiner Hand
Durch meinen Arm
und meine Schulter
Ins Herz

Zur gleichen
Zeit
Erinnerte ich mich
Als ich 17 war

Ich war in mein
zimmer
Und war dabei
meine neue Schreibmaschine auszuprobieren

ich merkte plötzlich
wie papa
seine Hand
durch meine Haare wickelte

aber ich hielt
nicht still
ich habe papa
weggestoßen

und so habe ich
gelernt
dass mich papa so lieb hatte
wie ich meinen Sohn

und so habe ich
papa geschrieben
was mir passiert ist

und so habe ich
angefangen
papa
meine Geheimnisse
in Briefen
zu erzählen

und so habe ich
geschrieben
dass ich als Kind mitgebetet hatte
dass papa gesund nach Hause kommt

meine ersten
Erinnerungen an papa
waren als ich so neun oder zehn Jahre alt war

papa hat uns
als Flüchtlinge
weit von zuhause wiedergefunden

wir waren glücklich
aber dann fing es an
papa war steng

ich bekam Angst
vor ihm
und das habe ich ihm geschrieben

und dass ich
gewünscht hatte
dass er im krieg gestorben wäre
sowie viele andere Vaeter

ja,
einen Brief nach dem anderen
ohne auf Antwort zu warten
habe ich sie losgeschickt

und habe ihm
gesagt
dass ich jetzt verstehe
dass er mich so lieb gehabt hat
wie ich meinen sohn liebe …

ja
und so habe ich mich
von meiner Last befreit

dann,
nach ein paar Jahren bekam ich ein Telegramm
dass ich nach Hause kommen soll
dass papa im Sterben lag

ich kam nach
hause
ich habe die kirche besucht
der pfrarrer kam ins haus
ich habe dem pfarrer all meine suenden erzaehlt

er hat
zugehoert
ich habe geweint
wir haben zusammen gebetet

am naechsten
tag
kam papa ins krankenhaus

ich habe ihm
ein Bild
von meiner Familie mitgebracht

ich habe ihm
einen Blumenstrauß
von wilden Blumen
ins Krankenhaus mitgebracht

wir haben
zusammen gebetet
wir haben zusammen geweint

ich habe papa
gesagt
…. Papa, ich liebe dich …
und ein paar Tage später ist papa gestorben

ich habe nur
ein paar geschichten von papa:

papa hatte zwei
schwestern

papa war so
stolz
als er den bauernhof erbte
das er alles ehrlich mit seinen schwestern machen konnte
dass alle damit zufrieden waren

als
jugendlicher hat papa tanzen gelernt
vielleicht in drengfurt
vielleicht in barten oder bartenstein

ein tag kam
papa muede nach hause
papa ging hinter den pferden

papa hatte die
leine ueber seine schulter

irgendwie haben
sich die pferde erschreckt
und sind losgelaufen

papa konnte
sich von der leine nicht freimachen
und ist so auf der erde entlang bis zum hof geschliffen worden

papas mutti
starb zu frueh

papa meinte
sie hat in ihrem leben
zu schwer gearbeitet

papa war schon
um 30
und ohne frau

papa hoerte von
mutti in kutten
suedlich von angerburg

und so ist papa
eines morgens frueh aufgestanden
und ist bis nach kutten geritten
und hat mutti zum erstenmal getroffen

wenn papa
morgens aufwachte
sagte er was er getraeumt hatte

wenn papa von
mist traeumte
dann bedeutete das er oder wir
heute glueck haben werden

wenn papa von
einem baby traeumte
dann bedeutete das er oder wir
aufpassen sollten
das nichts passieren sollte

spaeter meinte
papa
wenn mutti zuerst sterben sollte
dann kocht ihm meine schwester einmal die woche eintopf

ja
das ist schade
dass ich so wenig von papa und mutti kenne

dass ich keine
anschriften
oder e-mail anschriften
oder telefon-nummern habe
von familienangehoerigen


nach 5 jahren bei ibm
sagte man mir
dass meine arbeit nicht gut genug ist

dass tat mir
weh

es war mir so
als ob ich meine innere stimme hoerte:


du kannst nichts
du wirst zu nichts werden
du bist ein verlierer

du bist
unfaehig

seh dir doch
die anderen an
die können alles viel besser

dann habe ich
bei ‘cpt’

in minneapolis
angefangen
und fuer 15 jahre habe ich mitgeholfen
eine kleine text-computer firma aufzubauen
von 50 leuten bis auf 5 000 leuten

was ich nicht
im kopf hatte
hatte ich in meinem beinen


1977 habe ich ein holzhaus
mit eigenen haenden gebaut
wo ich noch heute wohne

ich habe eine
amatuer radio station
in meinem haus gebaut
‘ wb0gsx ‘

ich habe
mitgeholfen
zwei kinder aufzuziehen

fuer 5 tage
bin ich mit meinem sohn
in einem miet-segelboot
um die apostle inseln gefahren

nebenbei habe
ich
als lehrer freiwillig gearbeitet
im rechnen
in physik
in der kreativitaet
in der entwicklung
und in der natur photography


in der kirche habe ich beim kindergottesdienst mitgeholfen

dann habe ich
schuelern
beim fussballspielen geholfen

dann habe ich
gelernt
das das erzaehlen
und das zuhoeren
von persoenlichen geschichten
gold ist

dann besuchte
ich mutti

wir saßen im
Wohnzimmer
und da sagte mutti

…. das Jahr
vor Papas Tod …
…. als Papa so krank war …
…. hat Papa nach deinen Briefen gefragt …
…. hat Papa gefragt ob ich ihm deine Briefe vorlesen kann …

…. dann habe
ich deine Briefe Papa vorgelesen …

ja
und dann ist es für mich passiert
dann war für mich meine Versöhnung
mit papa vollendet.

mutti hatte
schlaganfaelle
war im krankenhaus und nun im altenheim

ich besuchte
mutti fuer ein paar wochen zum geburtstag

und am letzten
tag
habe ich
meinen besten anzug angezogen

mutti sass
an der kante von ihrem bett
und hat auf mich gewartet

mutti hatte
auch
ihr schoenstes kleid an

ich nahm mutti
im arm
und sagte

mutti
ich habe dir
was wichtiges zu sagen

wir gingen
rueckwaertz
setzen uns an der kante von ihrem bett

bevor ich mein
erstes wort rausbekam
hebte mutti beide haende hoch
und sagte …

bevor ich
vergesse
ich habe dir
auch was wichtiges
zu sagen

und sagte
dass die letzten wochen
die schoensten tage
in ihrem leben gewesen waren

und sagte
dass sie so stolz
auf mich ist

dass ich
so ein guter sohn bin

dass ich
von so weit
zu ihrem geburtstag
gekommen bin

dass ich
solange geblieben bin

dass es ihr
spass gemacht hat
die enten im teich zu sehen
wie sie ihr koepfchen ins wasser tauchten
wie ihre schwaenzchen hoch kamen

und so weiter

und so weiter …

und so weiter …

wir haben
zusammen
gelacht und geweint

und dann
am ende
habe ich meinen mut
nicht wiedergefunden
mutti mein schlechtes gewissen zu erzaehlen

dass ich damals

gelogen habe
und mutti betrogen habe
mit der weckergeschichte


wir haben lange gewunken

dann
verschwand mutti am fenster

dann
sah ich mutti wieder
aus einem fenster
ein paar stockwerke hoeher

und so haben
wir
laenger gewunken

als ich dann
bei meiner schwester wieder ankam
hab ich ihr die geschichte erzaehlt

als ich dann
wieder in amerika ankam
hab ich die geschichte
meinen kindern
und freunden erzaehlt

9 monate
spaeter ist mutti gestorben

ich fuehlte mich so alleine auf der welt
ich habe meine schwester umarmt

ja
wir haben
opa verloren
unseren bauernhof
papa
und nun mutti


nun sind wir alleine

als muttis sarg
in die erde ging
tat es mir weh
fing ich an zu weinen


in minneapolis habe ich dann
ein paar jahre
selbststaendig gearbeitet

….

dann ging alles
kaputt

meine frau ist
ausgezogen


ich war 50

ich war alleine


das tat mir weh


zum erstenmal in meinem leben
habe ich meine depressionen gefuehlt

es war mir so
als ob mich meine depressionen betaeubten
um meine schmerzen zu ertragen

ich konnte
nicht weiter arbeiten

und so fing ich
an
um auf den grund meines wehtuns zu kommen …

da bin ich
dreimal in der woche
fuer drei jahre
zu drei verschiedene
sebsthilfegruppen gegangen

das war meine
schwerste arbeit
das war mein groester erfolg

dann
habe ich mich
bei allen bedankt


denn sonst
haette ich mit dieser arbeit nie angefangen


denn sonst
haette ich es nicht beenden koennen


da habe ich mit im kreis gesessen
habe fremde leute zugehoert
habe mitgeweint

dann habe ich
mich erinnert
an meine gefuehle
die ich als kind
so gut versteckt hatte

und dann habe
ich mich
an die frage erinnert
die ich nicht beantworten konnte
warum ich soweit von zuhause weggezogen bin …


als kind
wurde mein typhus behandelt

aber meine
innerlichen wunden
wurden damals nicht behandelt


und so spuerte ich die alten schmerzen wieder

als ich mit 50
nocheinmal
hinterlassen wurde

ich zog
soweit von zuhause weg

weil es mir weh
tat

wenn sich
meine eltern
streiteten

und so habe ich
meine gefuehle wiedergefunden

nachgefuehlt

nachgeweint …
nachbehandelt …

und so bin ich
auf die gruende
meines wehtuns gekommen

dann habe ich
meine erinnerungen aufgeschrieben

und fuer tage
… wochen … monate …
war es mir so

als ob
… ich …

als ob
… das kind in mir …

… auf meinem
schoss sass …

und diese
geschichte

von vorne an

immer wieder
hoeren wollte


dann habe ich meinen mut gefunden
meine geschichten
auch im kreis
fremde leute erzaehlt
und langsam ging es mir besser

dann habe ich
ostpreussen besucht
und mir unser bauernhof angesehen

der kuechenherd
ist noch da

alle gebauede
sind noch da

meine schwester
erinnerte sich
von papas erzaehlen
dass der friedhof
von unserem bauernhof
zu sehen war

meine schwester
fand den friedhof
fand die steine

hier ruhet in
gott
martha meybaum
7.10.1865
28.8.1935
ruhesamft


friedrich
meybaum
12. januar 1829
13. maerz 1900
nicht auf erden suchet mich
von den sternen gruess ich dich !

..

dann habe ich
bad polzin besucht
und wo wir fuer den sommer in pommern waren
wo ich so krank mit typhus war

dann habe ich
in vitzow das gut von kleinst wiedergesehen
wo ich so krank wurde

(ich moechte
die strecke
von unserem bauerhof in ostpreussen nochmal machen …
die gleiche strecke wiederholen
diesesmal … langsam … sowie es mir passt …
zu fuss … mit rucksack … mit fahrrad … schlafsack … zelt …
vielleicht im sommer 2002)

dann bin ich
mit vollbeladenen fahrrad
durch deutschland gefahren

mit zelt
mit schlafsack
mit zusammenklappendes feldbet

habe so dicht
wie moeglich an meiner muttererde geschlafen

an fluessen
entland
durch wiesen und waelder
wo immer ich fahrradwege finden konnte

ich habe
schulfreunde und radio freunde besucht

..

ein tag war ich
mit dem fahrrad
bei neuengamme unterwegs

in den
nachkriegsjahren haben wir und von dort aepfel geholt
die gegend ist so eine stunde mit dem fahrrad sued-westlich von wohltorf

ohne es zu
ahnen
kam ich da an eine gedenkstelle vorbei
es war das konzentrationslager von neuengamme

ich habe
lange verweilt
lange gelesen
lange die bilder angesehen

als ich
draussen wieder stand
war da ein alter gaertner
und erzaehlte mir
seine erinnerungen
vom lager

ich hoerte zu


ich vermisse meine zeit von 19 bis 62 jahren
die ich nicht in deutschland war

ich vermisse
die zeit
die ich nicht mit meinen eltern
die ich nicht mit meiner schwester
so ueber alles in ruhe reden konnte

oh ja …
ich vermisse im wohnzimmer mit mutti papa schwester zu sitzen

kaffe und
kuchen zu trinken

erzaehlen und
zuhoeren

mit mitgefuehl

mit liebe

fuereinander

ich vermisse
auch die zeit
die ich nicht mit menschen sprechen konnte
die auch so eine geschichte
von der flucht
von den nachkriegsjahren
und
von ihrem leben
zu erzaehlen haben

ja,
ich habe hier zwei kinder
und vier enkelkinder

als die
enkelkinder klein waren
sorgte ich zwei tage in der woche
wechselte die windeln
kochte das essen

sonst lebe ich
hier
ein einfaches schlichtes gesundes leben

ich esse
langsam
ich schmecke was ich esse
ich sehe fussball vom video

ich habe mir
die naturphotography selbst gelernt
und das mahlen mit wasserfarben arcyrlic pastel
ich hoere klassische musik im radio

ich habe eine
zitter gebaut
und kann stundenlang deutsche volklieder
drauf spielen und mitsingen

ich rauche
nicht
ich trinke nicht

ich bin mehr
spaarsam
als ich sein brauch

ich moechte
lernen
mir was zu goennen
was nicht notwendig ist
was mir freude macht
das ist noch schwer fuer mich zu tun


ich fahre und repariere alte autos
bis sie nicht mehr fahren

ich lerne
sachen von der ernaehrung
kalorien kolenhydrate eiweiss fett

ich habe … in
drei jahren … 40 pfund abgenommen …
ich wiege 160 pfund oder (160 pfund x .453 kg/pfund) = 72.5 kg …

ich esse nur
noch naehrwerte sachen …
sachen die gut fuer mich sind …

ich gehe oder
fahre mein fahrrad fast jeden tag ueber eine stunde,
sodass in der zeit … meine herzfrequenz von 120 bis 140 ist …

ich bin ein
paar centimeter kleiner geworden
ich bin 70 inches oder 1.78 m gross

ich moechte
lange leben

ab und zu habe
ich heimweh

ich vermisse
meine schester
und schulfreunde
von den baracken
von der kirche
von der flucht

um
erinnerungen
gedanken
emotions
auszutauschen

ab und zu
geht es mir nicht so gut
koennte es mir nicht schlechter gehen

dann geht es
mir so wie mutti
alte sachen kommen in meinem kopf
alte wunden schmerzen noch immer
ich gruebel und gruebel darueber
kann damit nicht einschlafen


ja
da sind noch sachen
die noch auf mich warten

die ohne sich
anzumelden
in mein kopf kommen



aber
wenn es mir morgens gelingt aufzuwachen
mit keinen oder wenigen erwartungen
von mir selbst
oder
von meinen mitmenschen

dann kann es
vorkommen
dass ich dafuer reichlich belohnt
am abend


einschlafe

ab und zu
bin ich wunschlos gluecklich

dann ist es ein
ding der unmoeglichkeit
das es mir besser gehen koennte

.

oh ja

ich bin
gluecklich und froh

dass ich mich
sowie ich bin
umarmen kann

dass ich mein
gewissen
dass ich meine kindheit
dass ich meine eltern
umarmen kann

wenn ich hier
nach hause komme
meine treppe hochgehe
begruessen mich
mutti und papa

und
strahlen mir
aus ihrem bild
entgegen

..

ja

vielleicht ist
mein schreiben
ein sinn meines lebens … verwandte zu finden

ja, vielleicht
hatten wir verwandte in fuerstenau,
jaeglack, wolfshagen, engelstein, gr. buja,
wickerau, baumgarten, waldenthal, stettenbruch
thiergarten, dammfelde, bartenstein, passdorf
noerdliche von rastenburg in ostpreussen

vielleicht
schreibe ich es nieder
um darueber nachzudenken
davon zu lernen

ja
vielleicht
schreibe ich es

fuer dich
fuer mich
fuer meine kinder
fuer meine enkelkinder

fuer meine
liebe schwester
fuer meine lieben eltern

ja
vielleicht


heute
bin ich stolz
dass mutti treu
zu ihren gefuehlen
zu ihren schmerzen war

heute
ich bin stolz
dass papa
es nicht abgestritten hat
dass er, vor so vielen jahren
mutti in ostpreussen
so weh getan hat

denn das
abstreiten
oder vielleicht sogar dazu sagen:
das war nicht so
das bildest du dir ein
haette muti wirklich verrueckt machen koennen

denn
krankenhaeuser sind voll mit leuten
denen man gesagt hat
dass war nicht so
du bildest dir das ein

darum bin ich
so stolz
das mutti ihre alten wunden aus ostpreussen nicht vergessen hat
das papa es nicht abgestritten hat

ja
vielleicht haben mutti und papa
internetanschluss im himmel
lesen mit
hoeren zu

strahlen
mit freude
mit stolz

und
fuer mich
fuer meine heilung … meiner wunden
stelle ich mir dieses gespraech vor:


gretchen
komm

lass dich
umarmen
ich spuere deine schmerzen
dass tut mir leid

ich schaeme
mich

dass ich damals
deine freude in ostpreussen
nicht spueren konnte

dass ich dir
damals so weh getan habe

mit meinen
worten

dass tut mir so
leid

bitte vergebe
mir

lass mir
es nochmal
versuchen:

ich hoere deine
froehliche stimme
ich wundere mich warum du so froehlich bist

ich komm ueber
den hof
in deine offenen arme gelaufen

du nimmst meine
hand
zeigst mir deine wertvollen funde

was du alles
damit naehen willst

ich hoere
deine froehliche stimme

ich kann alles
wahrnehmen

ich fuehle
deine freude

ich druecke
deine hand fester

ich freue mich
ueber deine gluecklichen funde

und dass du
alles mit so guter qualitaet
und so guenstig
eingekauft hast


ich bin so stolz auf dich

du hast soviele
ideen
du hast soviele talente

ich bin auch so
stolz
wenn wir zur kirche gehen
du hast so eine schoene herrliche stimme
wenn du singst

du kannst auch
mit so einem kleinen apparat
so schoene bilder aufnehmen

du kannst auch
so gut kochen und backen

und du bist
auch so klug
du kannst so gute briefe schreiben
du kannst gut rechnen

du bist die
beste frau auf der welt
du wirst gut wirtschaften koennen

ich bin so
gluecklich dass wir uns gefunden haben

ich liebe dich

oh ja
mein lieber oskar
ich habe so lange drauf gewartet
diese worte von dir zu hoeren

oh … ja …
ich vergebe dir

es tut mir leid

dass ich mir
nicht selbst
diese schwere last
beseitigen konnte

dass ich dich
all diese jahre
damit so gequaelt habe

ich danke dir

fuer deine
hilfe
fuer dein mitgefuehl
fuer dein mitleiden

fuer deine
gedult mit mir

fuer deine
liebe

fuer deinen mut
fuer deine kraft
es mir heute zu sagen
worauf ich meine lebenlang
gewartet habe

du bist der
beste mann in der welt
du sogst nur fuer uns
du goennst dir selbst nichts

dein lebenlang
hilfst du andere leute
du hast so ein gutes herz
du bist so gutmuetig
du bist mit allem zufrieden

ich bin so
stolz auf dich

oh ja
… mein lieber oskar …
ich liebe dich auch

Mein Lebenslauf

Poems | Geschichten

Mein Tagebuch 2003-208

Mein Tagebuch 2009

Gaestebuch 2001-2008

Gaestebuch 2009

Meine Lehrer

un·learn

December 1, 2016

sometimes there is no room to learn something new sometimes it takes a lifetime to unlearn to make room to learn something new -werner meybaum

Source: un·learn

a day after Christmas

December 27, 2014

http://plymouth-retreat-center.blogspot.com/2014/12/a-day-after-christmas.html

a day after Christmas

http://www.captureminnesota.com/users/wernermeybaum

liebe gruesse von werner